Zu den Dienstaufgaben der diagnostischen Abteilung gehören u.a. „Untersuchungen zur Förderung der Gesundheit und Vermeidung von Leiden und Schäden bei Tieren”. Im Rahmen dieser Verpflichtung werden wir immer wieder mit Einsendungen konfrontiert, bei denen ein Tier ohne ersichtlichen Grund plötzlich zu Tode gekommen ist und der Tierbesitzer einen „bösen Nachbarn” verdächtigt, seine Katze oder seinen Hund Tier vergiftet zu haben. Erfahrungsgemäß trifft dies jedoch nur selten zu. So führen häufig am Tierkörper von außen nicht erkennbare Verletzungen nach Verkehrsunfällen oder bestimmte Organläsionen zu plötzlichen, für den Tierbesitzer völlig unerwarteten Todesfällen.
Im folgenden soll nun dargestellt werden, wie Tiere dennoch − gezielt oder unbeabsichtigt − durch Vergiftungen zu Tode kommen konnten.
In diesen Fällen wird beispielsweise mitgeteilt, dass eine einjährige Hündin ca. eine Stunde nach einem Spaziergang wässrig-schleimigen, mit Blut durchmischten Durchfall, Einknicken in der Nachhand, Muskelzuckungen im Kopfbereich, eng gestellte Pupillen, Unruhe und Speichelfluss zeigte.
In einem anderen Fall ist ein Hund kurz nach dem Spazierengehen und anschließender Futteraufnahme perakut mit Schaum vor dem Maul unter Krämpfen verendet.
Ein etwa vier Monate alter Welpe hat beim Spaziergang etwas aufgenommen. Kurze Zeit danach zeigt das Tier lebensbedrohliche Symptome mit Husten, Speichelfluss und Krämpfen. Nach sofortigem Verbringen in eine Tierklinik ist das Tier in Seitenlage mit Schnappatmung verendet.
Für den Sachkundigen sind die geschilderten Symptome aufschlussreich. Stimmen sie doch weitgehend mit dem Symptomenkomplex überein, der die Effekte einer Überdosis von Acetylcholin (AC), dem wesentlichen parasympathischen Überträgerstoff des vegetativen Nervensystems, beschreibt: Speichelfluss, Engstellung der Pupillen, vermehrte Darmmotorik mit gehäuftem Kotabsatz, Verkrampfung der Bronchialmuskulatur, Muskelzittern, Krämpfe, kolikartige Schmerzen und Erregung.
Der Zustand einer AC-Überdosierung lässt sich auch herbeiführen durch die Hemmung des AC-Abbaus. Natürlicherweise erfolgt der Abbau von AC unmittelbar nach Freisetzung und Wirkungsentfaltung enzymatisch durch die AC-Esterase (ACE). Eingriffe in dieses komplxe System werden u.a. ermöglicht durch Stoffe, die die Wirkung der ACE hemmen („ACE-Hemmer”), aufgrund ihrer Wirkung auch als „indirekte Parasympathomimetika” bezeichnet. Zu dieser Stoffgruppe gehören Substanzen, die wie Neostigmin als Arzneimittel Verwendung finden, aber auch Stoffe wie die Gruppe der Phosphorsäurester (Alkylphosphate - „E 605”), die als Insektizide noch bis Anfang 2002 im Handel waren und Ursache von Vergiftungen sein können. Auch Substanzen aus der Gruppe der Carbamate wirken nach dem Prinzip der ACE-Hemmung.
Eine weitere Eingriffsmöglichkeit in das „cholinerge” System bieten die sog. Parasympatholytica, Substanzen, die die Wirkung des AC unmittelbar hemmen. Am bekanntsten davon ist das Atropinsulfat, das sich vom hochgiftigen Alkaloid der Nachtschattengewächse (Tollkirsche - Atropa belladonna) ableitet. Atropinsulfat gilt neben seiner Wirkung als Therapeutikum für die verschiedensten Indikationen insbesondere als potentes Gegenmittel bei Vergiftungen durch Alkylphosphate und Carbamate.
Die Vorstellung der Tierbesitzer, dass sich bei der Eröffnung eines Tierkörpers die Todes- bzw. Krankheitsursache gleichsam wie in einem aufgeschlagenen Buch darbietet, trifft gerade im Falle von perakuten Vergiftungen durchaus nicht zu. Was wir finden, ist in der Regel das Bild eines akuten Herz-/Kreislaufversagens, dessen Ursache zunächst unklar bleibt. Manchmal hilft die Beurteilung des Mageninhalts weiter. Wir erfragen vom Tierbesitzer, wann das Tier zuletzt Nahrung zu sich genommen hat und um was es sich dabei handelte. Finden sich dann Bestandteile, die damit nicht in Einklang stehen, so wird versucht, diese näher zu bestimmen. Verdächtig ist blau bis blaugrün gefärbtes Material unbekannter Herkunft. Die Färbung kann z.B. von Pflanzenschutzmitteln herrühren, die aus Sicherheitsgründen mit einem blauen Farbstoff versetzt sind. Häufig fehlen jedoch irgendwelche Besonderheiten, die auf Giftbeimischungen hindeuten.
In diesen Fällen hilft häufig der als Screening-Verfahren eingesetzte Drosophila- (Fruchtfliegen-) Test weiter, bei dem insektizid wirkende Substanzen zuverlässig erfasst werden. Die Identifizierung der Einzelsubstanz erfolgt anschließend mit Verfahren wie gekoppelter Gaschromatographie-Massenspektrometrie (GC/MS) oder Dünnschichtchromatographie und Hochdruckflüssigkeitschromatographie.
In den oben beschriebenen Fällen wurde bei zwei Tieren der Wirkstoff Parathion nachgewiesen. Bei einem weiteren Hund konnte aus dem Mageninhalt die Substanz Methomyl in hoher Konzentration isoliert werden.
Parathion gehört zur Gruppe der Phosphorsäureester-Insektizide, die für Säugetiere und auch den Menschen eine hohe Toxizität aufweisen. Der Wirkstoff war in mehreren Handelspräparaten enthalten, die bis Anfang 2002 unter verschiedenen Namen (z.B. „”) erhältlich waren. Die Zulassung der entsprechenden Präparate wurde nicht verlängert, sie sind deshalb heute nicht mehr erhältlich.
Methomyl ist ein Insektizid aus der Gruppe der Carbamate, das unter dem Handelsnamen Lannate® vertrieben wird und wie Parathion auch für Wirbeltiere eine hohe akute Toxizität aufweist.
In allen drei Fällen konnten die Tiere nicht gerettet werden, obwohl sie rasch einer tieräztlichen Behandlung zugeführt und obwohl aufgrund der beschriebenen charakteristischen Symptomatik eine sofortige Behandlung mit dem Antidot Atropinsulfat eingeleitet worden war. Dies untersteicht noch einmal die hohe Toxizität dieser Substanzen für Warmblüter und zeigt, dass nach der Aufnahme großer Substanzmengen auch eine sofortige spezifische Therapie erfolglos bleiben kann.
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